Gersau von Aussen

Mitte des 17. Jahrhunderts betonte ein Luzerner Beobachter die Stärke der Bewohner, die schöne Kirche, die Einbettung in die Bergwelt und den Viehreichtum:

Die Gersawer seyndt noch heu(e)t zu Tag sehr Starcke unnd Mannliche Leu(e)th / haben ein fein bestelltes Regiment / ihr Landtschafft ist Graß / Obs / und Holtzreich / hat grosse Vychzucht / davon ihr Nutz vnnd Reychthumb.
Sie haben ein scho(e)ne Kirchen in der Ehr S. Marcelli Episcopi, und einen fein erbawten gegen der Mittagsonnen gelegnen Flecken / sonsten mit Bergen gantz umbgeben / außgenommen da es an dem See ligt. ... Ein zimblichen Weg ob Gersaw ist das Hochgericht / unnd bald darnach ... die Landtma(e)rck / zwischen bemeltem Gersaw und dem Land Schweytz heißts bey der Steinwand.

Johann Leopold Cysat, Beschreibung deß Beru(e)hmbten Lucerner= oder 4. Waldsta(e)tten Sees (Luzern: David Hautten, 1661), S. 234.

Um 1735 charakterisierte ein deutsches Lexikon Gersau wie folgt:

Gersau, Gerisau, Gerissau, Lat. Gersovia, oder Gersavia, ein freyer an dem Lucerner=See gelegener Flecken. Er hat ehemahls dem Hause Oesterreich zugehöret, welches selbige den Edlen von Moos ... übergeben, von denen sich die Einwohner Anno 1390 frey gekaufft, und Anno 1433 von dem Kayser Sigismundo ihre Freyheiten bestätiget bekommen haben. Hierauf sollen sie erstlich Anno 1315 mit Uri, Schweitz und Unterwalden, dernach aber Anno 1359 mit Lucern, und denen jetzterwehnten 3 Cantonen ein Bündniß geschlossen, und dieselben vor ihre Schirm=Herren erkennet haben.

Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal Lexicon, Bd. 10 (Leipzig, 1735), Spalte 1168.

 

Um 1790 beschrieb die französische Reisende Madame de Gauthier die demokratische Verfassung, eidgenössische Allianz und landwirtschaftliche Produktion von Gersau, das sie als abgeschiedenes und von aussen kaum beachtetes Land einstufte:

 

Nous passâmes également au pied de Gersau, république formée par un bourg qui, avec ses dépendances consistant en quelques maison écartées, peut contenir environ mille habitans: elle a son régime particulier; à seize ans tout homme est admis à ses assemblées générales. On croira facilement que son gouvernement est démocratique: c est la miniature de celui de Schwitz. Son conseil est composé de neuf personnes, doublant & triplant selon l occasion. Indépendamment du landamman, il y a un gouverneur, un trésorier, un chancelier & des justices inférieures. Ses productions consistent en bois & en pâturages, & son commerce en bétail: on en compte jusqu à quatre mille têtes. Lucerne leur fournit le bled & autres denrées dont ils ont besoin. Elle a un traité avec les trois cantons alliés, auxquels elle doit envoyer quelques soldats en tems de guerre. Sa position la met pour son compte à l abri de ce fléeau. Toutes les communication lui étant interdites, excepté celle du lac, elle n a aucun rapport avec les dix autres cantons, qui peut-être ne la connoissent pas. Il faut voyager sur le lac de Lucerne & faire des questions, pour en entendre parler. Ce pays a appartenu à l Autriche, qui le vendit à une riche famille de Lucerne: les habitans se racheterent, les empereurs confirmerent le marché, & ce petit peuple ignoré, indépendant, sans richesses & sans besoins, vit ignoré dans ce coin de la terre.

 

Madame de Gauthier, Voyage d une Française en Suisse et en Franche-Comté. Depuis la révolution (2 vols, London, 1790), S. 200-1.

 

Unmittelbar vor der französischen Invasion von 1798 erhielt die britische Dichterin Helen Maria Williams auf einer Tour durch die Schweiz einen recht gemischten Eindruck von Gersau. Wie de Gauthier beschreibt sie die republikanischen Institutionen, erwähnt aber auch Raubzüge auf benachbartes Gebiet, den lärmigen Gottesdienst und die grossen sozialen Unterschiede. Hervorgehoben werden zudem die Seidenproduktion, die Vielzahl der Fischerboote und die militärische Rolle in der Schlacht von Kappel (1531):

 

... beneath the inaccessible and encircling crags of the Rigi, is situated the independent state of Gersau, where we disembarked.

            This republic comprehending its regency, single, double, and triple councils, treasurer, grand sautier, secretaries, judges, ministers, officers, naval and military force, and the governed of all descriptions, contains from nine hundred to a thousand souls. Cavalry makes no part of the strength of this territory, since the lofty ramparts of rock, by which it is divided from the main land, are inaccessible to horses. It possesses, however, a numerous fleet of boats, which rode at anchor before the port, and prevented for some time the entrance of our vessel. Having on our landing sauntered to one part of the state to take a survey of its edifices, our ears were assailed by a tumultuous noise, which proceeded from the tuneful throats of a multitude assembled in the church at the other end of the republic, celebrating the praises of Saints Zeno and Bridget.

            The chief import of this republic is raw silk, which is manufactured for Basil and Zurich; its exports are principally fruit and fish, in the capture of which the fleet is employed which we saw moored in the harbour.

            Gersau allied itself to the Democratic Cantons in the beginning of the fourteenth century, and adopted their form of government. The history of the wars and treaties, troubles, domestic and foreign, of this small republic, though it make no considerable figure in the history of the world, fills many a page in the records of the Lake of the four Cantons.

            The earliest warlike atchievement [sic] of Gersau appears to have been directed against Lucerne. Discontented with a decision given by the Canton of Zug, as arbitrator, in favour of the Lucernois, the Gersovians, like Homer s heroes, began hostilities by stealing the cattle of their neighbours of Wigis ... Repraisals were made, and the contest might perhaps have been as bloody as that of the Pylian Sage with the Epian powers, had not the allied Cantons interfered, and imposed a heavy retribution on the Gersovians.

            This republic, which is said to be the least in Switzerland, and perhaps in Europe, and is scarcely known beyond the ken of the crags, and the lake that surround it, far from furnishing us with new themes of the happiness and security of such humble states, bore many marks of the vices and defects of more extensive governments. A few handsome mansions, surrounded by wretched cabins, and infested by beggars, afforded no presumptive evidence of an equal distribution of power or wealth. The republic of Gersau, however, has sometimes had the honour of holding the balance of Swiss power, and is said at the famous battle of Cappel, in which Z[w]inglius fell, to have turned the scale in favour of the cause for which they fought, and to have been one of the principal instruments in the preservation of the Catholic Religion in Switzerland.

            After having visited whatever was worthy of notice at Gersau, we reimbarked and proceeded on our voyage.

 

Helen Maria Williams, A tour in Switzerland; or A view of the present state of the governments and manners of those cantons: With comparative sketches of the present state of Paris (Dublin, 1798), Bd. 1, S. 93-6.

Kleine Reise in der Schweiz

 
In der Gegend von Beckenried befanden wir uns dem Canale gegenüber, den der See zwischen den beiden sogenannten Nasen bildet; so nennt man nehmlich die beiden Vorgebirge, von welchem das eine, die obere Nase, von einem Theile des Rigiberges, dem Fitznauer Stock in den See hinauslauft;
das andere aber, die schon oben erwähnte untere Nase, zum Bürgenberge gehört. Hier zeigte sich nun auch immer deutlicher am Fusse des Rigiberges der Flecken Gersau, der Hauptort der ehemaligen Republik Gersau, nächst der Republik St. Marino in Jtalien, der kleinsten in Europa. Das ganze Gebiet dieses Miniatur Freystaats erstreckte sich etwa eine Stunde weit in der Breite längs dem Rigiberge und zwei Stunden an diesem Berge hinauf.
Durch die Helvetische Revolution hat Gersau seine Selbstständigkeit verloren und gehört seitdem zum Gebiet des Kantons Schwyz. Der Flecken nimmt sich vom See her recht stattlich und hübsch aus und hat viele schöne, neuerbaute Häuser, welche den Wohlstand ihrer Bewohner ankündigen.
Ausser der Viehzucht und Obstkultur beschäftigen sich diese mit dem Spinnen, Zwirnen und Haspeln der Italienischen Seide für verschiedene Schweizerische Manufakturen , durch welches Gewerbe einige Kaufleute in Gersau sich ansehnliches Vermögen erworben haben. Ueberhaupt haben die Gersauer von jeher den Ruf eines fleissigen, biedern und sehr gesitteten Völkchens gehabt; grobe Vergehen gegen die allgemeine Sicherheit und gute Ordnung waren bei ihnen immer selten, und manche ganz unbekannt.
Ein berühmter Reisebeschreiber fand einst in dem Wirthshause zu Gersau einen Anschlag des Landraths  worin es jedermann, ohne Ausnahme, bei Strafe verboten wurde, zweien, mit Nahmen genannten Einwohnern Wein zu trinken zu geben, oder mit ihnen zu spielen, weil der eine sich gern betrinke, der andere aber ein Zänker sei.
 
Karl Friedrich August Meisner, Kleine Reisen in der Schweiz 1823 (Band 3, S. 106)