Tagungs-Material

Die folgenden Abstracts der Tagungsbeiträ​ge bieten einen Eindruck von der Vielfalt der Themen und regionalen Kontexte:

 

Klein aber Frei ?

Eigen- und Fremdbestimmung in europäischen Republiken

 

Wissenschaftliche Tagung im Rahmen von Gersau 2014 (21.-23. März)

 

ABSTRACTS

 

 

Peter Blickle, Saarbrücken (blickle.peter@t-online.de)

Bäuerliche Rechtskultur in  Oberdeutschland am Ende des Mittelalters.

Die Grundlegung für ein gemeines Regiment

 

Gemeines Regiment dient am Ende des Mittelalters in politischen Traktaten gelegentlich als Kürzel für eine Regierungsform, die breitere Bevölkerungsschichten (gemeiner Mann) an politischen Entscheidungen (Rechtsfortbildung) beteiligt. In der Neukodifizierung von Hofrecht und Ehe- und Erbrecht durch die Pfarrgenossen in Gersau 1436 drückt sich praktisch eine Form des gemeinen Regiments aus. In Gersau wird manifest, was in Oberdeutschland latent unter Bauern als Grundvorstellung weit verbreitet ist.

 

Von einer originären bäuerlichen Rechtskultur kann man deswegen sprechen, weil sie sich 1) von einer solchen der Herrenstände Adel und Geistlichkeit (und ihren eigenen Rechtskreisen) und 2) von jener der Stadt (Stadtgericht, Ratsgericht, kommunaler Satzung) unterscheidet.

 

Sie setzt voraus

den Mangel einer funktionierenden Rechtspflege in adeligen und geistlichen Herrschaften. Belegt wird dieser Mangel dadurch, dass Bauern zunehmend städtische Gerichte in Anspruch nehmen (Pfalbürger). Das führt in Extremfällen (Luzern) zur Erosion der adeligen Gerichte auf dem Land führen (Habsburg), generell aber überall zu einem Autoritätsverlust der adligen und geistlichen Herrschaften (Hinterland der schwäbischen und eidgenössischen Reichsstädte).

Die Herrenstände beantworten die Entwicklung auf dreifache Weise. Sie setzten 1. mit Hilfe des Kaisers und des Reichstags gegenüber den Städten das Verbot, Pfalbürger aufzunehmen, durch, verbieten 2. ihren Eigenleuten, andere Gerichte als die ihren in Anspruch zu nehmen (die Fortbildung von Eigenleuten zu Leibeigenen hängt damit zusammen) und vermehren 3. die Zahl der Gerichte in ihren Herrschaften.

 

Sie wird geprägt 

durch die Urteilsfindung an den ländlichen Gerichten. Sie erfolgte kollegialisch durch Laienrichter (Bauern) unter dem Vorsitz eines von der Herrschaft bestellten Gerichtsammanns nach Gewissen und Vernunft . Insofern diesen Normen zu folgen von den Urteilern beeidet wird, drückt sich hierin einerseits die christliche Prägung der Urteilsgrundlage aus (Gewissen), andererseits die Dignität von Erfahrung und Gewohnheit (Vernunft). Waren den bäuerlichen Richtern die Fälle zu kompliziert, erbaten sie ein Urteile von den Räten benachbarter Städte oder orientierten sich (soweit sie dazu Zugang hatten) am Kaiserrecht (gemeines Recht, Schwabenspiegel, teils identisch mit Stadtrecht).

Bäuerliche Rechtskultur bestand damit keineswegs nur in örtlichen Gewohnheiten (Weistum, Offnung, Ehaft), sondern auch in einer Adaption von städtischen und gemeinrechtlichen Normen.

 

Sie wird gefährdet

durch 1. obrigkeitliche Satzungen (Policeyen), mit denen die normativen Grundlagen der Urteilsfindung faktisch außer Kraft gesetzt wurden (belegt für Zürcher Landschaft, Unterelsass, Hochrhein, Oberschwaben), weil Policeyen über die bäuerlichen Gerichte durchgesetzt werden mussten, und 2. eine (noch nicht hinreichend erforschte) Monopolisierung des gemeinen Rechts (Schwabenspiegel) durch die herrschaftlichen  Hofgerichte (Appellationsinstanzen unter Ausschluss der Bauern, besetzt mit Dienern ).

Lösungen waren a) die Ratifizierung neuer Satzungen durch die Gerichte (Modell Pariser Parlament), b) Gesetzgebung durch genossenschaftliche Einung statt herrschaftlicher Satzung (Modell Graubünden, eidgenössische Orte oder c) eine Art verfassungerichtlicher Überprüfung von Satzungen am göttlichen Recht (1525, rechtstheoretisch auch niedergelegt im Oberrheinischen Revolutionär , beim jungen Zwingli und bei Hubmaier). Insofern sich c) nicht durchsetzen ließ, a) nur für eine begrenzte Zeit (bis ins 16. Jh.), war b) der einzige Weg, das bäuerliche Rechtsverständnis zur Geltung kommen zu lassen.

 

 

Christoph Dartmann, Münster (christoph.dartmann@uni-muenster.de)

Die Bürgerversammlung als Repräsentativorgan der Stadtgemeinde in Italien

Zur Zeit Dantes trafen sich die Bürger von Florenz regelmäßig zu politischen Versammlungen. Diese Bürgerversammlungen waren zentrale Momente im Leben der Stadt, in ihnen wurden Amtsträger eingesetzt, auswärtige Gäste empfangen, Entscheidungen verkündet und wichtige politische Veränderungen beschlossen. Damit verfügten die italienischen Stadtstaaten neben einer sehr modernen Verwaltung über ein weit in die Geschichte der Kommunen zurückreichendes Instrument kollektiven Agierens. Am Beispiel konkreter Beispiele fragt der Vortrag nach der Bedeutung dieser Versammlungen für das politische Leben dieser spätmittelalterlichen Stadtgemeinden und zeigt, wie direkte
Kommunikation mit den Bürgern neben einer differenzierten Bürokratie und einem
hoch spezialisierten Gerichtswesen zu den Basisbestandteilen des Lebens einer Kommune zählte.

 


Catherine De Kegel-Schorer, Engelberg (dekegel@bluewin.ch)

Genossenschaft und Nachbarschaft.

Personale und territoriale Organisation bei den Freien auf Leutkircher Heide und bei Innerschweizer Ürtegemeinden

 

Mit der Gegenüberstellung dieser kleinen Korporationen soll die Wirkmächtigkeit personeller und territorialer Strukturen am konkreten Beispiel veranschaulicht werden. Dabei stellt sich methodisch das Problem, dass die vorliegenden Verbände zwar gleichzeitig existierten, die Quellen aber im Falle der Leutkircher Freien hauptsächlich im 15. und 16. Jahrhundert liegen, während sie in Nidwalden erst im 18. Jahrhundert breiter fliessen. Dennoch mag es sich angesichts grundlegender Gegebenheiten der bäuerlichen Existenz (longue durée) lohnen, Aspekte des bäuerlichen Lebens und deren Auswirkung auf die organisatorische und daraus folgend auch rechtliche Entwicklung parallel zu betrachten.

Bei den Freien auf Leutkircher Heide handelt es sich um einen seit dem Spätmittelalter fassbaren Freibauernverband unter kaiserlicher Vogthoheit, was eine hohe Wahlfreiheit bezüglich der Gerichtsbarkeit ermöglichte. Die Zusammengehörigkeit beruhte ausschliesslich auf einem bestimmten personenrechtlichen Status. Die Leutkircher Freien besassen in der Regel freies Eigen, jedoch kaum gemeinsam verwaltetes liegendes Gut. Bekannt sind einzig zwei überlieferungsbedingt nur schemenhaft erkennbare Amtslehen für den Gerichtsdiener. Die Eigengüter der Freien lagen mehr oder weniger verteilt in einer grösseren Anzahl Dorfgemeinden.

Die Nidwaldner Korporationen sind im Untersuchungszeitraum Verbände freier Bauern, die durch die Wahl von Delegierten Teilhabe an der Regierung des Landes Nidwalden haben. Sie erwerben ihr Ürterecht wie die Leutkircher Freien zum überwiegenden Teil durch Geburt. Die Teilhabe am Verband ist jedoch an den Wohnsitz innerhalb des klar definierten Gemeindeterritoriums gebunden. Übernimmt ein Ürtner ein Gut in einer Nachbargemeinde, verliert er seine Nutzungs- und Mitbestimmungsrechte auf Gemeindeebene und kann sich nur mehr auf Landesebene politisch äussern.

Unklar bleibt, ob die beiden Verbandsformen auf ähnlichen Ursprüngen beruhen. Im Spätmittelalter handelte es sich aber in beiden Fällen um bäuerliche Verbände mit bedeutender Selbstverwaltung, die in der Frühneuzeit sehr unterschiedliche Schicksale hatten. Während die Leutkircher Freien im österreichischen Untertanenverband aufgingen, wurden die Nidwaldner Korporationen zu staatstragenden Körperschaften. Dies hat sicher mit der geopolitischen Lage zu tun: Die Freien auf Leutkircher Heide siedeln in der im 16. Jahrhundert unter österreichische Landesherrschaft geratenden Landvogtei Schwaben, die Nidwaldner Ürtner im Kerngebiet der schweizerischen Eidgenossenschaft. Nicht zu unterschätzen sind aber auch die unterschiedlichen personalen und territorialen Organisationsstrukturen. Ihre konkrete Bedeutung für die Entwicklung von Eigen- und Fremdbestimmung in bäuerlichen Korporationen aufzuzeigen ist Ziel dieses Beitrags.

 

 

Sandro Guzzi-Heeb (sandro.guzzi-heeb@unil.ch)

Die Republik auf dem Dorf.

Republikanische Erfahrung, Antiklerikalismus und Radikalismus im Entremont, 1789-1870

 

In der Schweiz hat sich lange die Interpretation durchgesetzt, dass die Helvetische Republik ein Produkt der französischen Expansion in Europa, oder zumindest einer fremden Einwirkung sei.

Obwohl der Einfluss der französischen Truppen an der Grenze der alten Eidgenossenschaft und später in der Helvetischen Republik selbst nicht negiert werden kann, ist es interessant, das Augenmerk auf innere politische Bewegungen und Neuerungen zu richten, um das Transformationspotential und die enormen Auswirkungen der republikanischen Zeit besser zu verstehen.

Die Region Martigny- Entremont-Bagnes bietet äusserst interessantes Material zu einer solchen Untersuchung. Bereits in den Jahren vor der Errichtung der Helvetischen Republik sind hier verschiedene Bewegungen zu beobachten, welche die alte Ordnung in Frage stellen: Im Zentrum standen v.a. die Vorherrschaft und die Privilegien des katholischen Klerus, und erst in zweiter Linie die Herrschaft des Oberwalliser Zehnden über das heutige Unterwallis. Die Helvetische Republik verhalf dann auch den Trägern der Protestbewegungen vorläufig an die Macht und sorgte damit für eine neue politische und soziale Mobilität, die die lokalen Machtverhältnisse auf längere Sicht veränderte.

Die Grundidee meiner Ausführungen besteht darin, die wesentlichen Merkmale dieser republikanischen Bewegungen zu analysieren und gewisse lokale Auswirkungen der Erfahrungen unter der Helvetischen Republik, sowie gewisse langfristige Kontinuitäten insbesondere zwischen der republikanischen Elite, dem Antiklerikalismus und dem Radikalismus des 19. Jahrhunderts - auf einer mikro-historischen Ebene aufzuzeigen.

 

 

André Holenstein, Bern (andre.holenstein@hist.unibe.ch)

"Prekärer Republikanismus. 

Zu den Ursachen für das Scheitern der Gersauer Freistaatlichkeit im frühen 19. Jahrhundert"

 

Am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert wird die grosse europäische Diskussion über die Republik auch politisch und staatsrechtlich virulent, nachdem sie davor vielfach als Thema der Staatstheorie erörtert worden ist. Im Anschluss an die Forschungen von Benjamin Adler 
und anderer zum politischen Schicksal der Länderorte am Übergang vom Ancien Régime in die Helvetik, die Mediation und die Zeit danach erscheint es reizvoll, den Fall Gersau in diese Übergangsdebatte einzuordnen. Es steht zu erwarten, dass auf diese Weise die Leitbegriffe des Workshops (Grösse und Freiheit bzw. deren Verhältnis zueinander) im Rahmen der damaligen staatspolitischen Debatten in der Innerschweiz erörtert werden können. Es ginge mithin darum, durchaus in kritischer Hinsicht danach zu fragen,  wessen Freiheit in welcher Republik gemeint bzw. geschützt ist.

 

 

Antonia Jordi, Bern (a-jordi@bluemail.ch)

Biels Traum vom eigenen Kanton.

(Un)Möglichkeiten kleiner Republiken in der nachrevolutionären Ära

 

Am Wiener Kongress 1815 wurde auch über Biels Zukunft entschieden. Bis dahin herrschte in der Stadt zwei Jahre lang Unsicherheit, ob d Heel chunnt oder d Seligkäit , wie der Bieler Mundartdichter Adam Friedrich Molz 1814 schrieb.[1]

Biel war seit dem Mittelalter Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, aber gleichzeitig auch Untertanenstadt des Fürstbischofs von Basel. Als solche war es anfangs Februar 1798 von Frankreich annektiert worden. Die Stadt wurde in die französische Verwaltung eingegliedert und lebte 15 Jahre lang unter französischer Herrschaft. 1813 brachte die Völkerschlacht bei Leipzig die Kriegswende, die französischen Beamten flohen aus Biel. Damit war die französische Herrschaft beendet; die Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft aber (noch) nicht wieder hergestellt. In welcher Form diese in der inzwischen auch umgestalteten Schweiz möglich war, war zunächst nicht klar.

Nach dem Abzug der Franzosen hatte sich in Biel in aller Eile die alte Magistratur in der Form von vor 1798 konstituiert; die tatsächliche Macht übernahm eine provisorische Regierung unter Präsident Samuel Daxelhofer. Bis am Wiener Kongress endgültig über das Schicksal der Schweiz und Biels entschieden wurde, sollte sie die Stadtverwaltung übernehmen und einen möglichst günstigen Ausgang der Verhandlungen für Biel vorbereiten. Nichts anderes als die endliche Realisierung des langgehegten Bieler Traums vom eigenen Kanton war das Ziel.

Zunächst ging es aber darum, die Ansprüche des von den Alliierten eingesetzten Generalgouverneurs im ehemaligen Fürstbistum, Konrad Karl Friedrich von Andlau, Biel in seine Verwaltung einzugliedern, sowie die Requisitionsforderungen der alliierten Truppen abzuwehren und die ehemalige Selbständigkeit Biels sowie seine grundsätzliche Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft bestätigt zu bekommen. Das gelang allerdings nur teilweise. Biels staatsrechtlicher Status blieb in der Schwebe. Nicht zuletzt, weil schon zu diesem Zeitpunkt die Idee bestand, das ehemalige Bistum zur Kompensation des Verlusts der Waadt und des Aargaus Bern zuzuschlagen. Im Mai 1814 wurde der südliche Teil des ehemaligen Bistums mit eidgenössischen Truppen besetzt, was in Biel zu einer Spaltung der städtischen Führung führte. Daxelhofer plädierte dafür, sich mit der Situation zu arrangieren und das Bestmögliche aus einer Eingliederung in den Kanton Bern herauszuholen. Die Mehrheit, angeführt von Niklaus und Georg Friedrich Heilmann, hielt weiter an der Idee eines eigenen Kantons fest; auch nachdem die Absicht, sich mit dem Erguel und Neuenstadt zu vereinigen, um dem Anliegen grösseres Gewicht zu verleihen, gescheitert war.

In Biel nahmen derweil die Spannungen zu, Daxelhofer wurde abgesetzt und durch Niklaus Heilmann ersetzt. Knapp zwei Monate später, im Oktober 1814, reiste Georg Friedrich Heilmann als Bieler Abgeordneter nach Wien an den Friedenskongress. Er war zuversichtlich, dass eine für Biel positive Lösung gefunden werden konnte, sei es die Realisierung des Traums vom eigenen Kanton, seien es vorteilhafte Bedingungen im Falle einer Eingliederung in den Kanton Bern. Die Verhandlungen gingen denkbar langsam voran bis am 7. März 1815 bekannt wurde, dass Napoleon von Elba geflohen war. Zwei Wochen später eröffnete Fürst von Metternich den eidgenössischen Gesandten die sie betreffenden Beschlüsse. Das ehemalige Fürstbistum, inklusive Biel, wurde in zwei knappen Artikeln dem Kanton Bern zugeschlagen. Die Details mussten zwischen Vertretern des Fürstbistums und Bern noch ausgehandelt werden Biels Traum vom eigenen Kanton war (einmal mehr) geplatzt.

 

 

Beat Kümin, Warwick (b.kumin@warwick.ac.uk)

Klein aber frei?
Ländliche Autonomie in Reichsdörfern der Vormoderne

 

In der Schweizer Geschichte wird Gersau meist als Republik und zugewandter Ort der Eidgenossenschaft bezeichnet. Weniger Beachtung findet seine verfassungsrechtliche Stellung als Reichsdorf, also einer ländlichen Gemeinde, die politisch direkt dem Römischen Kaiser unterstellt war. Dies war seit dem Erwerb aller feudalen und gerichtlichen Rechte 1390 der Fall, was auch die urkundliche Bestätigung aller Privilegien durch Sigismund 1433 unterstreicht. Im Spätmittelalter gab es über 100 vergleichbare Reichsdörfer im deutschsprachigen Raum, deren Zahl sich allerdings bis zum Jahre 1803 auf eine blosse Handvoll reduzierte. Neben Gersau soll das Hauptaugenmerk auf Gochsheim und Sennfeld (bei Schweifurt) sowie Sulzbach und Soden (in der Nähe von Frankfurt) liegen, die ihren Sonderstatus bis zum Reichsdeputationshauptschluss bewahrten.

 

Mit Blick auf das Tagungsthema interessiert vor allem, wie gross der Freiheitsgrad in so kleinen Gemeinwesen sein konnte. Theoretisch war das Fehlen einer Zwischenherrschaft, also eines Landesherren, vielversprechend. Im Vergleich zum kommunalen Normalfall gab es weder territoriale Mandate noch Steuern oder Bürokratisierung. Allerdings liess sich der Kaiser durch fürstliche oder städtische Vögte vertreten, die neben dem Einzug von Reichsabgaben und der Aufsicht über das Gerichtswesen oft versuchten, die militärisch und ressourcenmässig schwachen Gemeinden in ihre eigenen Herrschaftsgebiete zu integrieren. Diese Bestrebungen stiessen auf den erbitterten Widerstand der Betroffenen, die erstaunliche Energien und Kosten darauf verwendeten, ihre alten Rechte vor Reichsgerichten und kaiserlichen Kommission zu verteidigen. Im Verlaufe der frühen Neuzeit scheint dieser Kampf immer schwieriger geworden zu sein.

 

Gersau dagegen profitierte von der republikanischen Pufferzone der Waldstätte, deren Politik adlige und letztlich auch kaiserliche Ansprüche in der ganzen Innerschweiz erodierten. Als kollektive, untereinander verbündete Schutzmächte der Mikrorepublik neutralisierten sie sich zudem gegenseitig. Als Luzern eine Vorrangrolle bei der militärischen Mobilisierung des zugewandten Gersau beanspruchte, wurde dies 1431 durch einen Berner Schiedsspruch abgewiesen. Bis 1798 regelten die Bürger ihre Angelegenheiten sodann in Eigenregie auf der Grundlage einer souveränen Landsgemeinde. Dazu kam die Herausbildung eines kommunalen Katholizismus mit Pfarrerwahlrecht und praktisch unbeschränkter Laienkontrolle.

 

Objektiv war damit der Freiheitsgrad hier am grössten, ja Gersau kann wohl mit Recht als autonomste Landgemeinde Europas gelten. Der Vortrag versucht, die unterschiedlichen Situationen in den Fallbeispielen zu erfassen, aber auch auf Gemeinsamkeiten wie die sorgfältige Aufbewahrung der Rechtstitel, den Freiheitsdiskurs, die chronikalische Selbstreflexion und die Prevalenz der Reichssymbolik hinzuweisen.

 

 

Oliver Landolt, Schwyz (Oliver.Landolt@sz.ch)

Autonomiebestrebungen angehöriger Landschaften im Gebiet des Kantons Schwyz im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit

 

Der heutige Kanton Schwyz stellt ein territorial zusammengesetztes Konglomerat unterschiedlich kommunal entwickelter und verfasster Landschaften dar; dieser hatte unter der Ägide des im eidgenössischen Bündnisgeflechts sich etablierenden Länderortes Schwyz im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts allmählich zu einem protostaatlichen Gebilde zusammengefunden. Als Nukleus muss dabei die territorial auf den heutigen inneren Kantonsteil sich beschränkende Talgemeinschaft Schwyz betrachtet werden, die sich im Laufe des Mittelalters allmählich als kommunale Gemeinschaft herausbildete. Das Beispiel des heutigen Kantons Schwyz ist ein noch heute existierendes Beispiel, in welchem im Kommunalisierungs- wie Territorialisierungsprozess des 14. wie 15. Jahrhunderts es in der Rückschau betrachtet eigentliche Gewinner wie Verlierer gab. Im Falle des Länderortes war der eigentliche Gewinner das Land Schwyz mit seinem sich als zentralen Ort herausbildenden Flecken Schwyz, während die einzelnen, im Laufe des Spätmittelalters als angehörige Landschaften sich angliedernden Territorien der March, der Waldstatt Einsiedeln, Küssnacht und der Höfe Wollerau und Pfäffikons trotz einer mehr oder weniger kommunal entwickelten Verfasstheit mit eigener Landsgemeinde, Rat und weiteren Elementen der Eigenständigkeit (Landbuch, Siegel, Banner etc.) der Obrigkeit des Landes Schwyz untertan. Gleiches galt für die Herrschaften Uznach und Gaster, welche durch die beiden Länderorte Schwyz und Glarus mehr oder weniger gemeinsam verwaltet wurden. Auch in anderen Regionen gab es verschiedene mehr oder weniger kommunal verfasste (z.B. Urseren im Kanton Uri, Entlebuch und Weggis im Kanton Luzern) Landschaften, welche wie der Bielefelder Professor Andreas Suter dies formuliert hat der entscheidende Schritt zur Eigenständigkeit nach dem Vorbild der Bevölkerung der Länderorte nicht gelang. Allerdings blieben solche abhängigen respektive untertänigen Landschaften über Jahrhundert hinweg eine eigentliche Hypothek ; immer wieder wurden diese Regionen durch Unruhen geprägt. Der Drang nach Unabhängigkeit respektive einer grösseren Autonomie blieb eine Konstante der Geschichte innerhalb dieser Gebiete. Noch im Jahre 1975 lebte im schwyzerischen Gebiet jenseits des Sattels, in den Regionen der Höfe und der March am Ufer des Zürichsees der Traum eines Kantons Ausserschwyz nochmals wenn vielleicht auch journalistisch aufgebauscht für eine kurze Zeit bei einzelnen Bevölkerungskreisen auf; damit wurde eine Tradition aufgegriffen, welche schon einmal zu Beginn der 1830er Jahre für eine kurze Zeit existiert hatte.

 

 

Jon Mathieu, Luzern (Jon.Mathieu@unilu.ch)

Umwelt und Verfassung. 

Zur Parallelisierung der Landschaft Dithmarschen mit frühneuzeitlichen Alpenrepubliken

 

Der Kommunalismus war vom 13. bis zum 16. Jahrhundert ein dynamisches Prinzip , schrieb Peter Blickle 1982 in programmatischer Absicht. Das zeigt der Vorstoss der Städte zur Reichsunmittelbarkeit, in dessen Gefolge schliesslich die Stadt die nämlichen Funktionen ausübte wie ein Reichsfürst. Das zeigt die Staatsbildung auf kommunaler Grundlage, wie sie im Zusammenschluss ländlicher und städtischer Gemeinden in der Schweizer Eidgenossenschaft manifest wird. Das zeigt um summarisch zu verfahren die Geschichte Dithmarschens, des Appenzells und Graubündens.

Diese Parallelisierung der Landschaft Dithmarschen mit den Alpenrepubliken Appenzell und Graubünden war für mich damals neu, und ich erinnere mich, dass sie mir gleichzeitig entlegen und faszinierend vorkam. Wo befindet sich Dithmarschen? Welche Bewandtnis hat es mit seiner Geschichte? Und warum die Ähnlichkeit mit den historischen Entwicklungen im schweizerischen Berggebiet? Bei meinen späteren Lektüren tauchte Dithmarschen gelegentlich wieder auf, so dass die Landschaft an der deutschen Nordseeküste latent gegenwärtig blieb auch als lohnendes Ferienziel. Dreissig Jahre nach dem Text von 1982 gelang es mir, meine Familie für eine Fahrradtour in diese Richtung zu lotsen. Meine Präsentation nimmt die Ferienbekanntschaft und die Gersauer Tagung zum Anlass, um über die genannte Parallelisierung nachzudenken.

Ausgehend von der Küsten- und Deichlandschaft Dithmarschens kontrastiert der Beitrag zwei historiographische Positionen. Während landschaftliche Eigenheiten in der einen Position praktisch unbeachtet bleiben, betont die andere Position den Kampf mit den Naturgewalten und die Notwendigkeit von Genossenschaftsbildung zur Landnutzung. In diesem Punkt seien die Küstenbewohner mit den Alpenbewohnern vergleichbar. Dieser umweltbezogene Argumentations­strang soll im Folgenden an der Geschichte der Alpwirtschaft überprüft werden. Wie steht es um die historische Beziehung zwischen Berglandschaft und Entstehung von Alpgenossenschaften, und welche Rolle spielten die Alpgenossenschaften für die Entstehung von welchen Verfassungen? Antworten auf diese Fragen können zum Schluss dazu dienen, die zwei historiographischen Positionen zu kommentieren.

 

 

Mathias Moosbrugger, Innsbruck (Mathias.Moosbrugger@uibk.ac.at)

Töten, um davon zu erzählen.

Die integrative Kraft urkundlich erinnerter Blutgerichtsbarkeit in der spätmittelalterlichen Gerichtsgemeinde des Hinteren Bregenzerwaldes

 

Der Bregenzerwald ist eine verzweigte Talschaft auf dem Gebiet des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg, die heute besonders als landschaftlich facettenreiches Tourismusgebiet bekannt ist. Bis zur Flurbereinigung der verwaltungsmäßigen Strukturen im beginnenden 19. Jahrhundert war der größte Teil dieser Talschaft, der hintere Bregenzerwald, aber auch eine eigene Gerichtsgemeinde, in der weitreichende Agenden in den unterschiedlichsten politischen Feldern von gewählten kommunalen Amtsträgern wahrgenommen wurden. Das politische Selbstbewusstsein dieser Gemeinde und vor allem der darin agierenden Amtsträger allen voran der Landammann war dementsprechend zu Zeiten außergewöhnlich hoch. Der einflussreiche Vorarlberger Landeshistoriker Benedikt Bilgeri hat die seiner Meinung nach unvergleichliche Wälderrepublik mit ihren zahlreichen Freiheiten bei der Gestaltung der Politik vor Ort als das eigenartigste Gemeinweisen Vorarlberg bezeichnet, das von seiner Ausgangslage her sogar noch freier gewesen sei als die von ihm bewunderten Schweizer Urkantone . Damit hat er bei vielen offene Türen eingerannt: Der Hintere Bregenzerwald als angeblich einzigartig freie Bauernrepublik inmitten habsburgischen Machtgebiets ist noch immer ein fester Bestandteil der regionalen Erinnerungskultur.

In diesem Kontext spielte der Bezug auf die Handhabung der Blutgerichtsbarkeit stets eine besondere Rolle. Der von der Bevölkerung gewählte Landammann als vorsitzender Richter des Blutgerichts, der zudem über das Recht der Begnadigung verfügte, erscheint bis heute geradezu als Inbegriff der außerordentlichen Freiheit des Hinteren Bregenzerwaldes. In diesem zutiefst von herrschaftlichen Interessen bestimmten Bereich wirkte sich, so die übliche Lesart, die weitreichende Freiheit und Autonomie der Gemeinde gegenüber dem habsburgischen Landesherrn besonders eindrücklich aus.


Glücklicherweise sind uns zahlreiche Urkunden aus dem 15. und frühen 16. Jahrhundert erhalten geblieben, die einen Blick in die konkrete Vollziehung der Blutgerichtsbarkeit erlauben. Es zeigt sich, dass die an sich unübliche urkundliche Dokumentierung zahlreicher Vollstreckungen von Todesurteilen nicht zuletzt dazu diente, eine bestimmte Erinnerungstradition verbindlich festzuschreiben. Dadurch sollte Herrschaft etabliert werden. Im Bregenzerwald hat man wirklich getötet, um davon (in Urkunden) zu erzählen. Ein solcher erinnerungsgeschichtlicher Zugang zum Komplex der Blutgerichtsbarkeit macht es ansatzweise möglich, die tatsächlich außergewöhnlich strukturierte Bregenzerwälder Gerichtsgemeinde nicht als Ausdruck einer einlinigen freiheitlich-republikanischen Gesinnung oder Privilegierung, sondern als Ergebnis eines dramatischen Ringens um die Durchsetzung unterschiedlicher Erinnerungstraditionen zu erschließen. So lässt sich zeigen, dass die Etablierung quasi-republikanischer Strukturen im Hinteren Bregenzerwald in besonderer Weise auf landesfürstlichen Interessen der Habsburger basierten, die jedoch in weiterer Folge von anderen Erinnerungstraditionen und Überschreibungen überlagert wurden. Dem soll in diesem Vortrag nachgegangen werden.

 

 

Albert Müller, Zug (a.mueller@datazug.ch)

Walchwil Weggis - Gersau:

Varianten kommunaler Freiheit in der Zentralschweiz um 1400

 

Der Vortrag befasst sich mit 3 Gemeinden am See in der Zentralschweiz und ihrer unterschiedlichen gemeindepolitischen Entwicklung in der Zeit der frühen Eidgenossenschaft.

 

1379  Walchwil am Zugersee, angrenzend an Arth ( Schwyz ) und die Stadt Zug   

  

Nach dem Aussterben der Lenzburger und Kiburger seit 1273 unter der Herrschaft der Habsburger; von diesen werden Güter und Zehnten von Walchwile und Einmuote ( = Emmetten, heute: Oberdorf in Walchwil ) an die Herren von Hünenberg verliehen. Von diesen wurden die Rechte zu Walchwil an den Luzerner Werner von Stans verkauft; dessen Söhne Johann und Wilhelm verkauften zusammen mit dem Luzerner Stadtbürger Nikolaus Kaufmann alle Rechte an den Ammann, den Rat und die Gemeinde der Stadt Zug. Gemäss Urkunde vom 22. März 1379 wurden die Steuerrechte sowie Gericht und Dienste ( = Verwaltung ) für 450 Goldgulden an die Stadt Zug verkauft. Walchwil wurde so eine Vogtei der Stadt Zug, die einen Obervogt stellte, während das Untertanengebiet Walchwil einen Untervogt für den Einzug von Bussen und Steuern zu bestimmen hatte. Walchwil kam als erste Gebietserweiterung der Stadt Zug ins sog. innere Amt des Standes Zug. Mit dem Harnischbrief von 1398 verpflichteten sich die Walchwiler zum Waffendienst, sog. Harnischpflicht! Am 17. Februar 1798 wurden die 5 Vogteigebiete der Stadt Zug aus ihrer Obervögtlichen Gewald entlassen und als autonome Gemeinden anerkannt.

 

1380   Weggis am Vierwaldstättersee, offene Landschaft und zur Stadt Luzern hin orientiert 

 

Weggis war ursprünglich im Besitz der Benediktinerabtei Pfäfers und hatte grosse wirtschaftliche Bedeutung für den Markt in der Stadt Luzern. Im Jahr 1359 wurden die Kirchgenossen von Weggis, wie jene von Gersau, als Zugewandte ins Schutz- und Schirmbündnis der IV Orte aufgenommen. Der Abt von Pfäfers verkaufte 1378 seine Lehensrechte für 600 Gulden an Johann von Waltersberg zu Handen von Heinrich von Moos, von dem sich die Weggiser noch im gleichen Jahr loskauften. Am 28. Juni 1380 sicherten sich aber die Luzerner für 470 Goldgulden die Gerichtsherrschaft über Weggis und verlangten, dass die Weggiser den Bundesschwur in der Stadt Luzern zu schwören haben; die renitenten Weggiser wurden dazu gezwungen und sogar mit Gewalt nach Luzern gerudert! Damit begann für die Kirchgenossen von Weggis, trotz Bündnis von 1359, ein Untertanenverhältnis mit der Stadt Luzern, obwohl seit 1381 auch Weggiser als Ausburger ins Bürgerrecht der Stadt aufgenommen wurden. Die Zwistigkeiten der Landvogtei Weggis mit der Stadt wurden erst 1559 / 1588 mit der Unterwerfung der Weggiser unter die Botmässigkeit der gnädigen Herren zu Luzern beendet. 

 

1390   Gersau am Vierwaldstättersee, aber völlig abgeschiedene, beinahe unzugängliche Lage, abgesehen von Waldwegen nur auf dem Seeweg erreichbar   

Gersouwe per totum gehört gemäss Güterverzeichnis von 1064 dem Benediktinerkloster Muri, das den Hof Gersau als Stiftungsgut von den Grafen von Lenzburg erhalten hatte.

Von den nachfolgenden Habsburgern wurden die Herrschaftsrechte mit viel Geld an die wohlhabenden, edlen Luzerner Dienstherren Rudolf von Freienbach und Jost von Moos verpfändet . Jost von Moos wurde bald alleiniger Pfandbesitzer und in der Schlacht bei Sempach kämpften Gersauer an der Seite ihres Vogtes, Junker Heinrich von Moos, gegen die Habsburger. In dieser Schlacht fiel Heinrich von Moos und nur 4 Jahre später konnten die Gersauer das Pfand von den Erben ablösen und sich freikaufen. Mit dem Auskaufbrief vom 3. Juni 1390 konnten nun die Hofleute und Kirchgenossen von Gersau die Steuerrechte und die Gerichtsbarkeit ohne Vogt ausüben, Landsgemeinde halten und ihre Obrigkeit selbst wählen. Gersau wurde eine selbständige, unabhängige und gemäss Reichsprivileg vom 31. Oktober 1433 reichsfreie Gemeinde oder eben ein Freistaat mitten in der Eidgenossenschaft!

 

 

Maciej Ptaszyski, Warschau (m.ptaszynski@uw.edu.pl)

Republikbegriff und Reformation.

Republikanismus in Polen am Anfang des 16. Jahrhunderts

 

Fundamentum nostrae Reipublicae libertas est , sprach 1605 Großkanzler Jan Zamoyski auf einem Reichstagsversammlung (Sejm) ohne unsere Freiheiten können wir nicht existieren, so wie ein Fisch ohne Wasser. [ ] Wir lieben unser Vaterland und unsere Herren, und obwohl unsere Vorfahren libere mit den Herren sprachen, hören wir nicht, dass diese Herren wie bei anderen [Nationen] mit Dolchen gestochen wurden. Jeder polnische König ist im Bett gestorben . Das Republikkonzept, die Vaterlandsliebe und der Freiheitsbegriff spielten in dieser Rede eine zentrale Rolle. Sie bildeten den Kern des frühneuzeitlichen Republikanismus.

Im 17. Jahrhundert haben wir es in Polen mit schon weit verbreiteten republikanischen Ideen zu tun. Im Referat sollen die Fragen nach dem Ursprung des Konzepts und nach der Bedeutung der Republik- und Freiheitsbegriffe  in der polnischen Adelsrepublik des 16. Jahrhunderts gestellt werden. Schließlich wird untersucht, wie eine homogene Republik, eine Republik der Tugenden und Werte, auf einen Konfessionswandel reagierte. Die These lautet, dass die republikanische Tradition auch für die Rezeption der reformatorischen Ideen von Bedeutung war.

Als Quellen werden sowohl humanistische Werke von Stanisaw Zaborowski, Jan Ostroróg, Andrzej Krzycki (Andreas Cricius), Jan Dantyszek (Ioannes Dantiscus) und Andrzej Frycz Modrzewski (Andreas Fricius Modrevius), als auch die Korrespondenz der königlichen Kanzlei vor allem aus der Sammlung Acta Tomiciana verwendet.

 

 

Martin van Gelderen, Göttingen (Martin.vanGelderen@zvw.uni-goettingen.de)

Die Freiheit der Republik und die Rechte der Immigranten:

die Überlegungen von Hugo Grotius

 

Heutzutage tun sich die grosse alten Republiken, wie die Schweiz und Holland, schwer mit den Rechten der Immigranten. Dieser Vortrag erörtert zuerst das Wesen der republikanischen Freiheitsbegriffe und fragt dann, mit dem grossen republikanischen Denker und Vater des Völkerrechts, Hugo Grotius, nach der Bedeutung dieser Freiheitsbegriffe für die Diskussionen über die Rechte der Exulanten und Immigranten damals im 17. Jahrhundert und heute.

 

 

Astrid von Schlachta, Regensburg
(Astrid.Von-Schlachta@geschichte.uni-regensburg.de)

Über Verfassungen und Privilegien zur Freiheit.

Zuschreibungen zur Region um 1800

 

Der Vortrag widmet sich den Regionen Dithmarschen, Ostfriesland und Tirol drei Regionen, die in der Frühen Neuzeit über eine recht breite Repräsentation verfügten. Es soll gezeigt werden, wie diese Regionen ihr Erbe, das als demokratisch oder republikanisch deklariert werden konnte, in Diskussionen über Volkssouveränität und Partizipation im frühen 19. Jahrhundert einbrachten. Dies geschah positiv-modernisierend , in Übereinstimmung mit neuen Ideen, aber auch negativ-konservierend , das Neue abwehrend und das Alte bewahrend.

 

Alle drei Regionen zeigen seit dem 18. Jahrhundert eine verstärkte Konzentration auf ihr regionales Erbe und die regionale Identität. Dabei entwickelten sie aus der eigenen Vergangenheit heraus ganz unterschiedliche Erzählungen und Legitimationsstrategien. Diese liefen über die Formen der Repräsentation, über Privilegien, eine historische Freiheit sowie über kommunale und regionale Verwaltungsstrukturen. Die jeweilige Region wird so durch verschiedene Zuschreibungen bestimmt und argumentativ gegen übergeordnete Einheiten positioniert, aber auch in diese eingebracht.

 

Die regionalen Identitäten bildeten Einheiten unterhalb der Territorialstaaten; sie wirkten in die territorialen und nationalen Kulturen des frühen 19. Jahrhunderts hinein. Gerade in Zeiten des Herrschaftswechsels, den alle drei Regionen erlebten, aber auch als Gegenreaktion zu Maßnahmen der Zentralisierung diente die regionale Identität, um eigene Souveränitäten zu untermauern und möglichst zu erhalten.

 

Der Vortrag untersucht am Beispiel Dithmarschens, Ostfrieslands und Tirols das Innovationspotential, das Regionen mit einer historisch sehr breiten Repräsentation angesichts neuer Ideen von Repräsentation und Partizipation im frühen 19. Jahrhundert entwickeln konnten. Ging es darum, bestehende Formen zu beleben und aus dem Alten ein Neues entwickeln , wie Nikolaus Falck dies formuliert hat oder war das Alte in neuem Gewand ein Stopschild für alles Neue?

 



[1] Adam Friedrich Molz, Häll uuff, iehr Brieder! (1814). In: Ders. Bieldytschi Gedicht mit hochdytsche Liggebiesser. IV. Uuflag. Biel 1943, S. 65-67.

      

Weitere Tagungsbeiträge


Marc H. Lerner
The Material Culture of William Tell:
A reflection of republican and revolutionary freedoms
-
Download (PDF)... [14 KB]


Fabian Brändle, Zürich
Für mehr Demokratie und gegen die Grosshansen:
Die Landsgemeindekonflikte des 18. Jahrhunderts
-
Download (PDF)... [17 KB]

 

Klein aber Frei?

Eigen- und Fremdbestimmung in europäischen

Republiken  

Wissenschaftliche Tagung (21. - 23. März 2014)

 

Interviews mit den Vortragenden

 

 

VIDEOS

 

Beat Kümin, Warwick/Gersau 2014, im Gespräch mit ...

 

1)      ... Prof. Dr. André Holenstein, Bern, über die freie Republik Gersau und den Stand der schweizergeschichtlichen Forschung (Sprache: Schweizerdeutsch);

 

2)      ... Prof. Dr. Martin van Gelderen, Göttingen, on the state of research on pre-modern republics and the human right of free movement [über die internationale Republikenforschung und das Menschenrecht der Bewegungsfreiheit] (Language: English).



PODCASTS

 

Beat Kümin, Warwick/Gersau 2014, im Gespräch mit ...

 

1)      ... Dr. Catherine De Kegel-Schorer, Engelberg, über die Freiheit in vormodernen Personen-/Territorialverbänden und das Bild Gersaus in der Innerschweiz [O.00-7.30 Minuten] (Sprache: Schweizerdeutsch);

... Antonia Jordi, Bern, über den ehemaligen zugewandten Ort Biel und das dortige bzw. ihr eigenes Interesse an seiner Geschichte [7.30-15.10 Minuten] (Sprache: Schweizerdeutsch);

... Dr. Oliver Landolt, Schwyz, und Prof. Dr. Jon Mathieu, Luzern, über die innere Organisation des alten Landes Schwyz und Freiheit /Umwelteinflüsse im Alpenraum [15.10-35.19 Minuten] (Sprache: Schweizerdeutsch);

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2)      ... Dr. Christoph Dartmann, Münster, und Dr. Maciej  Ptaszyski, Warschau, über vergleichende Zugänge zur Freiheit in italienischen Stadtstaaten des Mittelalters und im frühneuzeitlichen Polen (Sprache: Hochdeutsch);
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3)      ... Prof. Em. Dr. Peter Blickle, Saarbrücken, über die Freiheit in vormodernen Landgemeinden und die Besonderheiten des Landes Gersau (Sprache: Hochdeutsch);
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4)      ... PD Dr. Sandro Guzzi-Heeb über die Freiheit in den Alpentälern des Tessins und Wallis um 1800 (Sprache: Schweizerdeutsch);
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5)      ... Dr. Mathias Moosbrugger, Innsbruck, über die Freiheit im spätmittelalterlichen Bregenzerwald (Sprache: Hochdeutsch);
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6)      ... Dr. Astrid von Schlachta, Regensburg, über die Methode des historischen Vergleichs und Freiheitsvorstellungen in Tirol und Dithmarschen (Sprache: Hochdeutsch).
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